Respekt vor Tiefe und Wert jeder Lebenszeit

Liebe Leserin,
Lieber Leser,

Die Welt steht unter dem Eindruck des neuen Coronavirus.

"Es ist ernst! Bitte nehmen Sie es auch ernst!"
Und:
"Wir müssen aus Rücksicht voneinander Abstand halten."

In einer beeindruckenden Ansprache hat unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel uns alle zu Solidarität aufgerufen und uns aufgefordert, den Schutz unserer Nächsten und unseres eigenen Lebens oberste Priorität einzuräumen.

Ich weiß, ihre Ansprache am Mittwochabend, dem 18. März 2020 hat nicht nur mich angerührt, bewegt und angesprochen.

Sie hat recht.
Auch wenn es schmerzt.

Im Gespräch hat mir ein Freund und Kollege eine Erkenntnis geschenkt, die mich den Schmerz verstehen lässt. Ich möchte diese Erkenntnis hier gerne mit Ihnen/Euch teilen:

Wesenhaft und zentral für unsere Arbeit im sozialen Bereich ist das Stiften, Gestalten und Erleben von Gemeinschaft.
Aber genau dieses ist uns in der bislang vertrauten Weise aus gutem Grunde untersagt. Wir müssen sichere und eingetretene Pfade verlassen und neue suchen und uns vertraut machen.

Und wie das eben so ist beim Eintreten neuer Pfade:
Wir werden uns im Gestrüpp am Wegesrand Schrammen und Blessuren holen.
Wir werden unsere Füße an Steinen stoßen und auf Geröll und unebenem Grund die Gelenke strapazieren.
Den Blick auf den Boden gerichtet werden wir Äste übersehen und uns den Kopf stoßen...
... und wir werden uns auf fremden Gelände manchmal einsam und verloren fühlen.

In Notzeiten und in Situationen, die uns vor unbekannte und noch nie erlebte Herausforderungen stellt, suchen wir gerne den Zusammenhalt. In der Nähe zu anderen Menschen hoffen wir, die Vergewisserung zu finden, dass wir mit all dem Unbekannten nicht alleine sind. Wir suchen die Zuversicht, dass wir das Fremde und Bedrohliche gemeinsam bewältigen können.
Und nun sollen wir Abstand halten...


Das ist uns fremd.

  • Keine Umarmung...
  • Keine tröstende Berührung...
  • Keine stärkende Hand im Rücken...
  • Kein verstehndes und ermutigendes Schulterklopfen...

Nicht genug, dass Sie Sorge haben um einen lieben Menschen.
Nicht nur, dass die Gefährdung durch einen unbekannten Virus hinzukommt.
Nun sollen Sie sich auch "gegen Ihr Wesen" verhalten. Denn da ist auch die Notwendigkeit, ein uns unbekanntes Verhalten einzuüben:
Wir sollen gemeinsam einzeln sein.

Wir sollen ohne die vertrauten Formen des Kontaktes unterwegs zu sein.
Wir wollen Trost geben, aber das vertraute Handwerkszeug ist uns aus der Hand genommen.

Das, was wesenhaft zum Menschsein gehört:
FAMILIE sein...  Gruppe sein... solidarische Gemeinschaft in Freud und Leid, solidarische Gemeinschaft in den Aufgaben des täglichen Lebens, das soll entfallen.

Ich bin in meinem Hauptberuf Pfarrer.
Die Aufgabe, die uns der Coronavirus stellt, widerspricht meinem vertrauten Bild von Kirche.
Schon immer hat mich das Bild des „Urkommunismus“ aus der Apostelgeschichte fasziniert.
Da wird erzählt, dass die ersten Christen alle Dinge gemeinsam hatten. Sie brachen das Brot um es zu teil. Das gechah. Mal hier und mal dort in ihren Häusern….

Ich finde den Jakobusbrief wichtig.
Er hat Ideen von einem heilsamen Zusammenleben in einer Gemeinde.
Er fordert uns auf, Kranke zu besuchen, ihnen segnend die Hand aufzulegen und in deren Angesicht mit ihnen und für sie zu beten.

Mich spricht das BIld vom großen Weltgericht an, das uns Matthöäus in seinem Evangelium malt. Es wirft einen Blick auf unser Leben, der geprägt wird von dem was Menschen an sogender Solidarität gelebt haben. Dieser Blick urteilt gerade nicht nach dem Bekenntnis.
Es ist mir eine heilsame und heilige Erkenntnis, dass unsere muslimischen Geschwister im Koran genau dieses Bild ebenfalls haben!

Ich träume von einer Welt, in der wir uns vertrauensvoll begegnen.
Ich träume von einer Welt, in der wir Zeit und Raum, unsere Aufgaben und Ideen, unsere Trauer und Hoffnungen, unsere Grenzen und unsere Möglichkeiten miteinander teilen.
Ich träume von einer Wetl, in  der wir uns respektvoll unterstützen.
Das ist für mich eine Gemeinschaft, die gestiftet ist durch den Heiligen, den Heilenden Geist des einen Gottes, wie auch immer er sich uns offenbart, wie auch immer wir in unseren Bekenntnissen und Glaubensgemeinschaften ihn benennen.

Ich erlebe es so, dass der Virus nicht nur unsere Möglichkeiten beschneidet, sondern auch unsere Identität in Frage stellt.

Darüber kann man klagen.
Was vielleicht befreit, aber nur wenig ändert.
Kann man auch versuchen, kreativ damit umzugehen?

Ich habe die ehrenamtlich Mitarbeitenden unserer Hospizgruppe (die mehrheitlich altersmäßig in die Risikogruppe - ab 50 - gehören) durch die Koordinatorin bitten lassen müssen, ihre Begleitungen zum Schutz der Begleiteten (die alle zur Risikogruppe gehören) ihre Begleitungen bis auf Weiteres auf telefonische Kontakte und/oder Email-Austausch mit den Angehörigen zu verlegen.

Ich erlebe, dass der Virus Sars-Cov 2 uns herausfordert.
Ich verstehe, dass Viele sich gelähmt und ausgebremst fühlen.
Wie können wir in dieser besonderen Situation, trotz Allem, das lebendig gestalten, was uns heilig ist?

Ich erlebe, dass Augen  und Gesichter in diesen Tagen anders sprechen und mehr erzählen. Manch ein freundliches Lächeln hat mir einen Händedruck ersetzt und mich ermutigt.

Ich erlebe, dass Worte bewusster gewählt und eingesetzt werden. Vielleicht ja auch, weil der Abstand von mindestens zwei Metern das gesprochene Wort öffentlicher machen. Es ist nicht mehr beliebig, was wir sasgen. Ob es das überhaupt jemals war?

Ich erlebe, dass Telefongespräche länger dauern und nicht nur Sachliches vermitteln. 

 

Es bleibt:
Der neue Coromavirus fordert uns heraus:
Er stellt uns die Frage nach unserer Identität:
Was ist uns heilig?
Welche Werte teilen wir?
Wie solidarisch sind wir und wie teilen wir das Brot hin und her in den Häusern?
Wie kreativ werden wir sein, um Gemeinschaft unter widrigen Umständen zu stiften, zu gestalten und zu erleben?

Ich möchte Ihnen gerne meine Übertragung der ersten Zeilen der Heiligen Schrift anbieten:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Der Geist Gottes brütete auf den Elementen.
Die Erde war ein großes ungeformtes Durcheinander

Manche, die mich kennen, haben es vielleicht schon immer geahnt:
Ich schätze das Chaos und kann ihm durchaus Gutes und Liebenswertes abgewinnen!
Denn: während feste Strukturen das Vertraute bewahren wollen und darum Neues hindern, macht Chaos Neues möglich! Mehr noch: Chaos oder, wie es im Urtext der Bibel im Schöpfungsbericht genannt wird, das "Tohuwabohu" fordert das Entstehen von Neuem geradezu heraus.

Glauben heißt für mich: Ich vertraue auf den heilenden, heiligen Geist Gottes.
Möge er unserer Gemeinschaft heilsame Wege zeigen.
Ich bin zuversichtlich, wir werden Möglichkeiten finden.

Ich bin neugierig, was für Wege wir gehen werden und was wir an Neuem entdecken werden.
Ich bin neugierig, welche Möglichkeiten wir entdecken werden um uns auf Distanz nahe zu sein!

Ein Hinweis zum Schluss:
Wenn Sie ein Gespräch suchen - haben Sie keine Scheu sich zu melden.
Die Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme finden Sie unter "Kontakt".
 

Herzlichst,

Ihr Reinhold Hoffmann

Hospizgruppe "Südlicher Odenwald" | info@hospizgruppe-odw-sued.de / 06275 912049